Agile Projekte funktionieren nur mit gegenseitigem Vertrauen: Interview mit Tim Hahn zu agilen E-Commerce-Projekten

Agile Projekte sind „in“. Seit ein paar Jahren hört und liest man ständig davon. Aber macht diese Art der Projektumsetzung wirklich Sinn? Wann ist das alte „Wasserfall“-Modell besser? Wir haben uns mit Tim Hahn, Geschäftsführer von netz98, darüber unterhalten, der mit seinem Team schon zahlreiche E-Commerce-Projekte erfolgreich umgesetzt hat.

 

E-Commerce-Projekte werden gerne „agil“ entwickelt – warum?

Es hat sich gezeigt, dass das herkömmliche „Wasserfallmodell“ mit festgelegten Milestones nicht bei allen Projekten passt. Gerade bei größeren E-Commerce-Projekten steht die gesamte Planung selten von Anfang an so fest, dass nur noch die einzelnen Schritte und Aufgaben abgearbeitet werden müssen.

In der Regel sind während der Projektlaufzeit sehr viele Anpassungen erforderlich, welche die starr geplante Struktur ins Wanken bringen können. Deswegen ist es wichtig, agil an die Sache ranzugehen, um die Entwicklung eines Onlineshops oder einer E-Commerce-Plattform flexibler zu handhaben.

Wasserfall versus agile Entwicklung: Wann sollte welche Methode zum Einsatz kommen?

Nur wenn die Projekte von vornherein mit einem detaillierten Leistungskatalog sowie mit einer professionellen Planung von Aufwand, Budget und Zeitfenster definiert werden können, kann das Wasserfallmodell in Betracht gezogen werden. Besteht dagegen beim Auftraggeber nur eine ungefähre Vorstellung vom Endprodukt, zum Beispiel eines B2B-Onlineshops, und will er trotzdem schnellstmöglich in die Umsetzung einsteigen, ist ein agiles Verfahren besser.

Was sind die typischen Herausforderungen bei agilen Projekten?

Bei agilen Projekten steigen beide Partner nach einer sehr kurzen Planungsphase direkt in die Umsetzung ein. Dabei ist es erforderlich, dass der Auftraggeber und der Auftragnehmer ständig und sehr eng miteinander kommunizieren. Das wird von Unternehmen, die bislang nur nach dem „Wasserfallmodell“ gearbeitet haben, oftmals unterschätzt.

Diese Art der Zusammenarbeit bedeutet, dass in kurzen Abständen ständig die alten Leistungspakete überprüft und die neuen Leistungspakete definiert und abgestimmt werden müssen. Während der gesamten Projektphase ist der Auftraggeber also stark involviert. Das kostet Manpower, die entsprechend bereitgestellt werden muss.

Agile Projekte funktionieren dementsprechend nur mit gegenseitigem Vertrauen und einem guten Teamwork zwischen den Vertragsparteien.

Können Sie uns ein Beispiel für ein agiles E-Commerce-Projekt geben?

Ja, gerne. Für den E-Bike-Hersteller Riese & Müller haben wir eine Händler-Plattform entwickelt, die unter anderem eine leistungsfähige Validierungslogik bietet, welche 1,2 Millionen Produktkombinationsmöglichkeiten in Echtzeit überprüft. Auf dem Weg zu dieser innovativen E-Commerce-Lösung haben wir unter anderem ein MVP (Minimum Viable Product = das kleinstmögliche Produkt) entwickelt, woraus dann schrittweise das Händlerportal mit all seinen Features entstand.­­­

Wenn das Ergebnis von vornherein noch nicht feststeht – gibt es dann kein Pflichtenheft mehr? Und wie sieht es mit der Dokumentation bei agilen Projekten aus?

Es stimmt, das Pflichtenheft fällt weg. An seine Stelle tritt ein Backlog und ein Aktivitätenplan, in dessen Rahmen das genaue Projektergebnis während der laufenden Erstellung quasi Stück für Stück gemeinsam festgelegt wird.

Dokumentationen sind bei agilen Projekten besonders wichtig. Sie werden normalerweise sowohl „inline“ im Quellcode als auch „online“, zum Beispiel als Wiki, zur Verfügung gestellt. Wir erstellen im Übrigen unsere Dokumentationen automatisiert während der Entwicklung.

Entfällt bei agilen Projekten der Rahmen für Budget und Zeitaufwand?

Nein, den Rahmen gibt es noch. Wir stimmen diesen selbstverständlich mit unseren Kunden ab und halten ihn vertraglich fest. Wir vereinbaren zum Beispiel, welche Funktionen am Ende realisiert sein müssen, wie viele Entwicklungszyklen wir für die Umsetzung erwarten, wie viel Zeit wir dafür voraussichtlich benötigen werden und welche Kosten hierfür geschätzt anfallen.

Gleiches gilt für jeden einzelnen Entwicklungszyklus: Am Anfang wird ein konkretes (Teil-)Arbeitsziel definiert und der voraussichtliche Aufwand vereinbart. So läuft bei unseren E-Commerce-Projekten nichts aus dem Ruder.

Warum arbeitet netz98 seit langem mit den spezialisierten Rechtsexperten von RESMEDIA zusammen?

Die agile Entwicklung bedeutet aus der Sicht des Auftraggebers ein gewisses Risiko, denn er gibt letzten Endes ein Projekt in Auftrag, ohne dass die Leistungsbeschreibung beziehungsweise das Endergebnis, der Zeitaufwand und das Budget abschließend definiert sind.

Um diese Risiken für unsere Kunden so weit wie möglich zu reduzieren, sind entsprechende Projektverträge erforderlich. Wir arbeiten hier mit RESMEDIA zusammen, weil die Verträge prozessorientiert, nicht zu lang und vor allem ausgewogen gestaltet sind.

 

 

geschrieben von: Florian Decker

Florian Decker

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Florian Decker
Fachanwalt für Informationstechnologierecht (IT-Recht)

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